Eigene Erinnerungen

pettstadt

sabine schoeck jugendbildDas dörfliche Leben mit seinen Gerüchen nach Wiesen, Kuhstall und frisch gebackenem Brot haben mich geprägt. Nie vergesse ich das Gefühl, als Kind auf einem hochbeladenen Graswagen, von Kühen gezogen, abends durchs Dorf zu schaukeln – den Duft und die Kühle des frischen Grases im Rücken und über mir den langsam erglimmenden Sternenhimmel. Da muss man doch zur Dichterin werden.

Aufgewachsen bin ich ab dem sechsten Lebensjahr in einem katholischen Dorf bei Bamberg. 300 Bauernfamilien lebten in Pettstadt. Dort spricht man einen für zugezogene Berliner schwer verständlichen Dialekt – man muss ihn erlernen wie eine Fremdsprache. Was Kindern aber leicht fällt. Anfangs war es schwer für meine Mutter und mich, sehr schwer…

Als ich die Sprache verstand und sogar selber sprechen konnte, reihte ich mich ein in die Dorfgemeinschaft und erlebte die vielen Rituale, die mich umhüllten und faszinierten.

Der Sonntag war heilig. Schon am Samstag schrubbten die Töchter des Hauses die Bodenbretter in der „Stum“ – auf den Knien mit der Wurzelbürste hell. Auch wir Kinder wurden mit dieser Wurzelbürste in einem Zuber am Samstag abgebürstet.

Für den heiligen Sonntag fegten die Kinder mit langen Weidenbesen die lehmige Dorfstraße vor dem Haus. Die Besenreiser zeichneten dünne feine Muster in den Lehm. In diese Muster die ersten Fußstapfen zu drücken, ist wie in den ersten Neuschnee hineinzutreten.

Der alte Schweigert, der auch Fährmann auf der Regnitz war, hatte von der Milch fürs Wochenende Rahm abgeschöpft. In einer grünen Bierflasche schüttelte er ihn, bis er seine Sonntagsbutter in kleinen Klümpchen mit einem gebogenen Draht aus der Molke hervorziehen konnte.

Im Rohr duftete der Streuselkuchen, den es nur am Sonntag gab. Schade, dass man sich das heute jeden Tag leisten kann – Streuselkuchen ist nichts besonderes mehr.

Alle im Dorf legten ihre „Sonntichskleider“ zurecht, denn um acht Uhr ging man in die Kirche. Alle, bis auf die Hausfrau. Die rollte schwitzend den Teig für die breiten Nudeln aus oder drehte raue Klöß. Die gab es zur sauren Brüh und dem Braten. Der Wirsing wurde zum Brei verkocht - und – aber nur an diesem Tag – wurde in der „guten Stum“ Kaffee getrunken. Die „gute Stum“, meist im oberen Stockwerk, wurde sonst nur noch an Festtagen betreten.

Genau um 12 Uhr mit dem Mittagläuten saß man am Tisch. Wehe, die Kinder streunten noch im Dorf herum…

Es gibt kirchliche Rituale, wie man sie auch bis vor einigen Jahren noch pflegte hier in Varnhalt bei Baden-Baden, wo ich jetzt wohne.

Ich erinnere mich an Fronleichnam, wenn eine Prozession hinter dem Pfarrer und dem Allerheiligsten durch Dorf und Felder zieht zu den Altären. Früh im Morgengrauen hatten Frauen und Mädchen heilige Motive aus Blütenblättern zu Mosaiken gelegt. Oder an den Pfingstochsen, eine Gruppe Kinder führt einen unter Farnwedeln versteckten Jungen von Haus zu Haus und sie rufen: „Hausvater, Hausmutter, gebt mir Geld oder Speck. Sonst geh ich nicht von der Haustür weg.“ Wenn sie dann was bekommen haben, tanzt der Pfingstochs zum Dank im Kreis herum.

Dass die Kinder auch an Heiligdreikönig kommen wissen Sie ja alle noch. Sie singen im Haus und malen auf die Haustür mit Kreide das C M B für – wer weiß es? Weihnachtsgebäck und ein wenig Geld bekommen die Sänger dafür. Dann gibt es auch noch die Palm-Weihe. Jeder versucht das schönste Stechpalmbündel mit Buchs und Zeder auf einem Stecken in die Kirche zu tragen und vom Pfarrer weihen zu lassen. Das hängt dann als Schutzsymbol über der Haustür und hilft gegen Unwetter und Blitzeinschlag.

Die Erinnerung an diese meine Kindheit spürt man aus allen meinen Texten heraus.

Vielleicht ist gerade der Kontrast von damals zu unserer heutigen computer-gesteuerten Zeit, den röhrenden Motoren und der Schnelllebigkeit das, was mich so anrührt, sodass ich schreiben möchte über Dinge, die ich so liebe – Pflanzen, alte Bräuche und Liebe.